Richard Paulick und Halle-Neustadt

Porträt von Richard Paulick. © Bundesarchiv, Bild 183-41748-0001 / Zühlsdorf, Erich / CC-BY-SA 3.0
Porträt von Richard Paulick. © Bundesarchiv, Bild 183-41748-0001 / Zühlsdorf, Erich / CC-BY-SA 3.0

Mitwirkende

Autor/in: Helga Gärtner

Von jungen Leuten wurde ich gebeten, über Richard Paulick und das von ihm geleitete Büro des Chefarchitekten zu berichten. Ich wurde Ende Mai 1964 als junge Tiefbauingenieurin zusammen mit Architekten, Ingenieuren, einem Ökonomen, Vermessern, Zeichnerinnen und Sekretärinnen vom damaligen Büro für Gebiets-, Stadt- und Dorfplanung Halle (B.f.G.S.D.) zu diesem neu gegründeten Büro delegiert und arbeitete dort bis Ende Februar 1968.

Dem Beschluss zur Planung und zum Bau der Chemiearbeiterstadt gingen seit 1959 verschiedene vorbereitende Maßnahmen voraus. Es wurden 19 Baugebietsflächen untersucht, die mehr als 100 ha groß waren und von denen 13 in einer Entfernung bis zu 7,5 km vom Stadtzentrum Halle entfernt lagen. Ausgewählt wurde dann die jetzt bebaute Fläche. Ausschlaggebend war u.a., dass sie nicht in der Hauptwindrichtung der Chemiebetriebe und des Stadtgebietes von Halle liegt.¹ Das bedeutet, dass die Luft in der Neustadt abgasarm ist.

Diese Vorarbeiten und die Erarbeitung einer Gesamtkonzeption, die später immer wieder verändert wurde, leistete das B.f.G.S.D. Auch der städtebauliche Entwurf des ersten Wohnkomplexes entstand noch dort.

Am 15. November 1963 übernahm Richard Paulick auf Beschluss des Politbüros der SED die Leitung des Aufbaus der Neustadt als Chefarchitekt zusätzlich zu seinen anderen Aufgaben.²

Im November 1964 zogen alle damaligen Mitarbeiter nach Halle-West, in die beiden unteren Etagen des Blockes 413, Haus 3 und 4 (jetzt Max-Liebermann-Straße 5 und 7). Prof. Paulick, wie er achtungsvoll von uns angesprochen wurde, kam meist für zwei oder auch drei Tage von Berlin nach Halle – im schwarzen Tatra mit Chauffeur, immer gut gekleidet, immer mit Hut. Seine Arbeitstage waren lang, eine Besprechung folgte auf die andere.

Jens Ebert zitiert Paulick aus dessen Lebenslauf (1973):

„Mein Hauptanliegen war (…), zu demonstrieren, wie man auch mit industriellen Methoden städtebaulich und architektonisch interessante Ensembles und Bauwerke errichten kann.“

Neulich hörte ich einen jungen Studenten sagen: „Ich gehe gern durch die Neustadt, ich empfinde sie als Gesamtkunstwerk.“

Genau das war das Ziel der damaligen Bemühungen: Raumbildung, ein interessanter Wechsel unterschiedlicher Gebäudehöhen, die Betonung wichtiger Punkte – wie etwa Stadteingang oder Ende der Magistrale – durch markante Hochhäuser, aber auch zahlreiche Kunstwerke in Augenhöhe sowie strukturierte Oberflächen der Außenwandplatten fesseln die Aufmerksamkeit des interessierten Betrachters. Großen Wert legte Richard Paulick auf die aus der Ferne wahrnehmbare Silhouette der Stadt.

Weiterhin Jens Ebert:

„Das mediale Interesse, auch im Westen, war damals sehr groß. Das Bauvorhaben wurde hoch eingeschätzt, als Beispiel sei die ‚Le Monde‘ zitiert: Ein Team junger, kreativer Architekten um den vom Bauhaus kommenden Stararchitekten Richard Paulick stampft hier Jahr für Jahr nach dem Vorbild von Le Corbusier eine Stadt aus Glas und Beton aus dem Boden.“

Natürlich war nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Funktionalität der zukünftigen Stadt wichtig. Was braucht eine Stadt außer Wohnhäusern? Dazu hatte die Bauakademie in Berlin wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt und Kennziffern zur Verfügung gestellt, etwa für die Anzahl der benötigten Schulen, Kindereinrichtungen, Ärzte, für den Flächenbedarf der Kaufhallen und Dienstleistungsbetriebe.

Richard Paulick verstand es aufgrund seiner Genialität und seiner vielfältigen Erfahrungen – unter anderem als Leiter des privaten Baubüros von Walter Gropius in Dessau, später in verschiedenen Städten Chinas sowie ab 1950 in der DDR – aus den zur Verfügung stehenden Ressourcen das Optimum herauszuholen. Beeindruckt hat mich immer, wie gründlich er sich auch mit Standorten und Bauweisen etwa für Feuerwachen, Polikliniken, Umspannwerke oder Abwasserpumpwerke auseinandersetzte und nach eingehender Beratung mit den Spezialisten seine Entscheidung traf.

Im Laufe der Jahre kamen weitere Mitarbeiter hinzu, auch ausländische Architekten (ein Pole, ein Bulgare, ein Kolumbianer). Während der Abwesenheit von Richard Paulick leiteten seine Stellvertreter Dr. Bach, Dr. Siegel, Dr. Schlesier und Dipl.-Ing. Fliegel das Team.

Es herrschte eine besondere Atmosphäre in diesem Büro, ausgehend von der Persönlichkeit Richard Paulicks, seiner Genialität und seiner Menschlichkeit. Nach harten Arbeitswochen wurde auch einmal gefeiert. Ich erinnere mich an den 64. Geburtstag von Richard Paulick im Jahr 1967. Auch seine Frau Gemma und seine Tochter waren aus Berlin nach Halle-Neustadt gekommen; mit Fantasie und Kreativität hatten die Architekten das Büro umgestaltet.

Ende 1968 endete die Arbeit Richard Paulicks in Halle-Neustadt. Näheres darüber kann man bei Jens Ebert nachlesen: „Richard Paulick – Architekt und Städtebauer zwischen Bauhausideal und realem Sozialismus“.

Wir Hallenser können uns glücklich schätzen, mit dem Stadtteil Halle-Neustadt ein Zeugnis der Genialität Richard Paulicks vorweisen zu können. Das sollte nicht nur zu Jahrestagen sichtbar sein. Ich möchte an die wertschätzende Rede der damaligen Bauministerin Klara Gallwitz zum 60. Jahrestag im Jahr 2024 erinnern. Sie beklagte die Abrissintensität der Vergangenheit. Die Stadt Dessau zieht jährlich durch das Bauhaus Tausende Besucher an. Auch nach Halle-Neustadt kommen Interessierte – mit entsprechender Werbung könnte diese Zahl gesteigert werden.


Quellen

  1. Autorenkollektiv: Halle-Neustadt – Plan und Bau der Chemiearbeiterstadt.
  2. Jens Ebert: Richard Paulick – Architekt und Städtebauer zwischen Bauhausideal und realem Sozialismus.


Richard Paulick und Halle-Neustadt