Seit über einem Jahr durchstreife ich die Straßen von Halle-Neustadt – nicht als flüchtiger Passant, sondern als Suchender, der den vergessenen Geschichten hinter den blauen Straßenschildern nachgeht.
Meine Arbeit nahm ihren Ausgang im „Projekt StraßenQR“, das auf den ersten Blick rein technisch erscheint: QR-Codes werden generiert und an Laternenmasten angebracht, um Passant*innen mit den Lebensgeschichten jener Persönlichkeiten zu verbinden, nach denen die Straßen benannt sind.
Doch dieses Umherstreifen verwandelte sich rasch von einer dokumentarischen Aufgabe in eine Konfrontation mit dem „Schweigen der Erinnerung“ – und mit ihren auffälligen Leerstellen.
Während ich die digitalen Codes programmierte, häuften sich die Namen vor mir zu einer Liste, die wie ein exklusiver „Männerclub“ wirkte. Eine genaue Auswertung brachte eine Zahl hervor, die keiner Deutung bedarf.
69 Straßen tragen Männernamen –
demgegenüber steht nur eine einzige Straße, die nach einer Frau benannt ist: die Lise-Meitner-Straße. Eine Frau steht allein in einem ganzen Stadtteil – als wäre sie die einzige Frau gewesen, die zu diesem Fest der Erinnerung eingeladen wurde.
In einer bemerkenswerten Ironie entdeckt man zudem, dass es im Viertel 18 Straßen mit Pflanzennamen und sieben mit Pferdenamen gibt. 18 Straßen sind nach Gewässern benannant – vor allem nach Flüssen.
Pflanzen, Pferde und Gewässer scheinen damit im urbanen Gedächtnis präsenter zu sein als Frauen, die Geschichte, Wissenschaft und Gesellschaft maßgeblich geprägt haben.
Eine geplante Ordnung – und eine auffällige Leerstelle
Ganz zufällig ist diese Verteilung allerdings nicht entstanden. Bis zur deutschen Wiedervereinigung gab es in Halle-Neustadt – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine Straßennamen. Die Orientierung erfolgte vor allem über nummerierte Wohnkomplexe und Blöcke. Erst nach der Wiedervereinigung erhielten viele Straßen ihre heutigen Namen.
Wenn die Auswahl der Namen bewusst erfolgte, wer wurde innerhalb dieser Themen für erinnerungswürdig befunden – und wer nicht?
Dabei folgte die Namensgebung einem erkennbaren Konzept: Für die einzelnen Wohnkomplexe wurden thematische Schwerpunkte entwickelt. So erhielten die Viertel die Namen von Pflanzen, Pferderassen, Flüssen, Komponisten, Künstlern und Wissenschaftlern. Die Namen sollten den Quartieren einen eigenen Charakter verleihen und zugleich die Orientierung erleichtern.
Gerade dieses durchdachte System macht die Zahlen jedoch nicht weniger bemerkenswert, sondern wirft eine weitere Frage auf: Wenn die Auswahl der Namen bewusst erfolgte, wer wurde innerhalb dieser Themen für erinnerungswürdig befunden – und wer nicht?
Unter den Künstlern, Komponisten und Wissenschaftlern, deren Namen heute auf den Straßenschildern stehen, finden sich fast ausschließlich Männer. Das muss nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung gegen Frauen gewesen sein. Es verweist vielmehr auf Vorstellungen davon, wessen Leistungen zu jener Zeit selbstverständlich als erinnerungswürdig galten.
Dabei muss man gar nicht weit suchen, um Frauen zu finden, die unmittelbar an der Entstehung Halle-Neustadts beteiligt waren. Eine von ihnen ist Helga Gärtner. Als junge Tiefbauingenieurin kam sie Ende Mai 1964 in das neu gegründete Büro des Chefarchitekten Richard Paulick und arbeitete dort bis Anfang 1968. Gemeinsam mit Architekten, Ingenieuren, Vermessern, Zeichnerinnen und anderen Mitarbeiter*innen war sie damit Teil jener Planungsarbeit, aus der die neue Stadt entstand.
Heute erzählt Helga Gärtner selbst von dieser Zeit und bewahrt damit ein Stück Stadtgeschichte, das auf den Straßenschildern kaum sichtbar wird. Und vermutlich steht ihre Geschichte nicht allein. Es gab weitere Frauen, die als Ingenieurinnen, Architektinnen, Arbeiterinnen oder in anderen Berufen am Aufbau und am Leben Halle-Neustadts beteiligt waren.
Vielleicht liegen einige Namen, die künftig einen Platz im öffentlichen Raum verdienen, also näher, als wir denken: in den Biografien jener Frauen, die Halle-Neustadt selbst mit aufgebaut und geprägt haben.
Der QR-Code: Ein Fenster in die Lücken
Durch unser „Projekt StraßenQR“ wurde mir bewusst, dass Technologie nicht nur dokumentiert, sondern auch sichtbar macht, was fehlt. Straßennamen sind mehr als bloße Orientierungspunkte – sie bilden eine visuelle Erzählung, die Passant*innen, insbesondere Kindern, vermittelt, wer als erinnerungswürdig gilt und wer nicht.
Jeder QR-Code, den wir heute an einem Laternenmast anbringen, führt zu einer Geschichte. Doch die Realität zeigt: Die Geschichten von Frauen wurden auf diesen Schildern bislang kaum erzählt.
Es geht nicht darum, bestehende Namen zu tilgen, sondern die Erinnerung zu erweitern – damit sie ein realitätsnäheres Abbild gesellschaftlicher Vielfalt darstellt und gerechtere Maßstäbe dafür setzt, wessen Namen im öffentlichen Raum verewigt werden.
Auf dem Weg zu einer ausgewogeneren Erinnerungskultur
Moderne Städte haben die reale Chance, dieses symbolische Ungleichgewicht zu korrigieren – nicht durch Auslöschung, sondern durch Ergänzung.
So könnte etwa die Lise-Meitner-Straße von einer stillen geografischen Bezeichnung zu einem lebendigen Erinnerungsort werden – etwa durch eine jährliche Veranstaltung, die die Leistungen von Frauen in Wissenschaft, Kultur und Stadtgeschichte würdigt. Dabei könnten gerade auch die Geschichten jener Frauen erzählt werden, die an der Entstehung und Entwicklung Halle-Neustadts beteiligt waren.
Ein solcher Schritt würde nicht nur das Schweigen der Zahlen durchbrechen. Er könnte auch dazu beitragen, die noch fehlenden Geschichten sichtbar zu machen – und die QR-Codes von bloßen Fenstern in die Vergangenheit zu Werkzeugen für eine ausgewogenere kollektive Erinnerung werden zu lassen.
StraßenQR ist ein Teilprojekt von „Unser HaNeu“ im Rahmen der Smart-City-Initiative der Stadt Halle (Saale). QR-Codes im öffentlichen Raum machen die Geschichten hinter den Straßennamen Halle-Neustadts digital zugänglich und verbinden so Stadtgeschichte mit den Orten des heutigen Alltags.

