Vielen ist das städtebauliche Erbe der Neustadt unbekannt. Eine Initiative verschiedener Bewohner*innen will das ändern: Warum es ein digitales Geschichtsbuch für Halle-Neustadt braucht.
Auf den Spuren des Bauhauses
Als größte städtebauliche Neu-Gründung der DDR entstand mit Halle-Neustadt unter der Leitung des aus dem Bauhaus stammenden Chefarchitekten Richard Paulick in kürzester Zeit eine völlig neue und moderne Stadt für den wachsenden Bedarf an Arbeitskräften der naheliegenden Chemieindustrie.
Es wurde eine ganzheitlich gedachte Stadt der kurzen Wege errichtet. Jeder der verschiedenen Wohnkomplexe verfügte über ein eigenes Versorgungszentrum, verschiedene Gastronomieeinrichtungen, Kindergärten und Schulen. Die zahlreich gepflanzten Bäume und Sträucher verknüpfen sich heute zu einem wertvollen grünen Teppich und sorgen für ein angenehmes Stadtklima. In dessen Schatten findet man hervorragende Experimental-Bauten der Ost-Moderne, wie die inzwischen unter Denkmalschutz stehenden Delta-Kindergärten mit ihren innovativen Dachkonstruktionen aus HP-Schalen.
So bietet Halle-Neustadt seit seiner Gründung im Jahr 1964 nachfolgenden Generationen ein einzigartiges und zum größten Teil noch erhaltenes städtebauliches Zeugnis des damaligen Zeitgeists der ostdeutschen Nachkriegsmoderne. Als Spiegelbild einer idealen und modernen Gesellschaft sollte ein architektonisches Gesamtkunstwerk aus sozialistischer Stadtplanung und Kunst im öffentlichen Raum entstehen. Mit über 150 geschaffenen Kunstwerken im öffentlichen Raum war und ist der Stadtteil eine der größten Freilicht-Galerien Deutschlands.
Neustadt im Umbruch: Die Chemiearbeiterstadt erfindet sich neu
Bis Ende 1990 lebten über 90.000 Menschen in Halle-Neustadt, auf die politische Wende und dem Zusammenbruch der DDR folgten Abwanderung, Überalterung, Rückbau und soziale Segregation. Diese rasanten gesellschaftspolitischen Umbrüche prägen die bisherige 60-jährige Stadtgeschichte besonders stark und spiegeln sich in allen Bereichen des Stadtteils Lebens wider. Mit Errichtung des Neustadt-Centrums und der Straßenbahntrasse zur Jahrtausendwende wurden bereits neue städtebauliche Impulse gesetzt, die Errichtung des modernen Wohncampus mit seinen Pyramiden-Häusern auf einer ehemaligen Brachfläche in der Begonienstraße setzen diese wichtige positive Stadtentwicklung fort.
„Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.“ – André Malraux
Um als funktionierender sozialer Organismus zu überleben, muss sich die einstige sozialistische Modellstadt auch in Zukunft mit diesem schwierigen Wandel stetig auseinandersetzen und neu erfinden. Besonders im Herzen des Stadtteils, an der weiteren Entwicklung der fünf Hochhausscheiben wird das deutlich sichtbar.
Im Rahmen der Smart-City-Initiative der Stadt Halle (Saale) wollen wir die Chance nutzen, unsere noch junge Stadtteil-Geschichte für nachfolgende Generationen in einer zentralen digitalen Stadtteilchronik zusammenzutragen.
Diesen Weg möchten wir mit historischen Bildern und Archivmaterial aber auch persönlichen Erfahrungen der Bewohnerinnen und Bewohnern digital begleiten und hoffen auf nachfolgende Generationen, die dieses Erbe für die weitere städtebauliche Entwicklung und Zukunft der Neustadt fortsetzen.
Für die hilfreiche Projektunterstützung danken wir ganz herzlich dem Team von Unser HaNeu, dem Bauverein mit seiner langjährigen Geschichtswerkstatt und der wertvollen Sammlung über die Neustadt und der Leitung des halleschen Stadtarchivs.
Interessierte, die uns bei unserer Arbeit unterstützen wollen, melden sich bitte per E-Mail an: olaf.gorgas@web.de

