Iftar – Ein Fest für alle Sinne

Iftar in Halle-Neustadt: im Ramadan begehen Muslime das Fastenbrechen mit einem Abendessen in Gemeinschaft © KI-generiert / Adobe Firefly
Iftar in Halle-Neustadt: im Ramadan begehen Muslime das Fastenbrechen mit einem Abendessen in Gemeinschaft © KI-generiert / Adobe Firefly
Iftar in Halle-Neustadt: im Ramadan begehen Muslime das Fastenbrechen mit einem Abendessen in Gemeinschaft © KI-generiert / Adobe Firefly

Mitwirkende

Autor/in: Dagmar Saleiski

Unsere Kiez-Reporterin Dagmar hat während des Ramadans den Islam von seiner kulinarischen Seite kennengelernt und ist in die Tradition des Fastenbrechens eingetaucht. Was sie dabei über sich und ihre muslimischen Nachbar*innen und Freund*innen gelernt hat

Unsere Kiez-Reporterin Dagmar hat während des Ramadans den Islam von seiner kulinarischen Seite kennengelernt und ist in die Tradition des Fastenbrechens eingetaucht. Was sie dabei über sich und ihre muslimischen Nachbar*innen und Freund*innen gelernt hat

„Wir machen Pause“, sagen meine Schülerinnen Fatma und Hüsniye Anfang Februar nach meinem wöchentlichen Deutschunterricht zu mir. Pause, zur Ruhe kommen, durchatmen. Meine Schülerinnen wollen sich in den kommenden vier Wochen dem Ramadan widmen: eine Zeit der Reflexion und Dankbarkeit, in der Körper und Seele gereinigt werden sollen. Selbstverständlich bin ich mit einer Auszeit einverstanden. Gleichzeitig werde ich neugierig und möchte mehr darüber erfahren.

Ich selbst wurde nach christlichem Glauben erzogen und kenne den Ramadan nur aus Erzählungen, hauptsächlich als Zeit des Verzichts von Essen und Trinken. Doch ist es nicht ebenso eine Zeit des Gebets, des Dankes und des Gottvertrauens? Ich überlege, wann ich das letzte Mal gebetet habe. Es ist lange her. Ich will versuchen, mich in dieses Gefühl hineinzuversetzen.

Meine Freundin Aysegül rät mir am Telefon, während des Ramadan „alles mehr weich zu machen” und nicht mehrere Dinge gleichzeitig tun: langsamer, achtsamer, ruhiger sein in Worten und Taten. Ich versuche, ihren Rat zu befolgen. Ich nehme mir tägliche Auszeiten vom Alltag und verbringe Momente bewusst in absoluter Stille, konzentriere mich auf schöne Gedanken und empfinde Dankbarkeit in dieser Einkehr.

„Fühle dich wie zu Hause”

Ich beginne, die Zeiten der inneren Ruhe immer mehr zu genießen, gleichzeitig freue ich mich auf eine Einladung zum Iftar, dem gemeinsamen abendlichen Fastenbrechen. Adel, ein guter Freund aus Syrien, hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Er möchte für mich kochen. Ich soll eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang bei ihm sein. Ich bin etwas aufgeregt, es ist mein erster Besuch bei ihm. Als er die Tür öffnet, begrüßt er mich mit einer leichten Verbeugung, seine Hand hat er auf sein Herz gelegt. Ich spüre seine Freude, mich willkommen zu heißen. Ich schlüpfe in meine Hausschuhe.

Wir unterhalten uns, doch Adels Blick ist immer wieder auf sein Handy gerichtet. Sehnsüchtig prüft er die Uhrzeit. Dann ist es so weit: Sonnenuntergang. Wir nehmen am Küchentisch Platz. Adel hat ein Ofengericht aus Kartoffeln, Zwiebeln und Hähnchen zubereitet. Der Duft von Kreuzkümmel und Kardamom liegt in der Luft. Wir stellen alles in unsere Mitte und essen mit den Händen. Mit dem warmen Fladenbrot sauge ich förmlich das Essen auf. Adel betont immer wieder: „Fühle dich wie zu Hause.” Wie soll ich auch anders. Zum Nachtisch machen wir es uns auf dem Sofa bequem, Adel serviert zum Tee das Dessert: Milchreis mit Orangenblütenaroma. Köstlich! Er probiert noch meine Kekse, die ich nach einem syrischen Rezept gebacken habe. Adel staunt verblüfft: „Die schmecken genauso wie meine Großmutter sie immer gemacht hat. “Du kannst hier ein Café eröffnen.” Wir müssen beide lachen und fühlen uns in diesem Moment wie eine kleine Familie.

Adel zieht sich einen Moment für sein Dankesgebet zurück. Danach berichtet er mir von seiner Kindheit in Syrien. Fastenbrechen – das bedeutet für ihn immer auch teilen: mit denen, die weniger haben, und mit den Armen und Notleidenden mitfühlen. Nach über zehn Jahren Bürgerkrieg gibt es heute mehr denn je. Wir verabschieden uns zeitig. Adel muss früh aufstehen, denn vor dem Sonnenaufgang will er noch ausgiebig frühstücken, um für den kommenden Tag gestärkt zu sein: Haferflocken, Obst, Eiweißshake, dazu noch einmal ausreichend Tee und Wasser für den langen Tag. Zwischen Sonnenauf – und -untergang wird er weder essen noch trinken.


Auf meinem Fußweg nach Hause begegnen mir noch viele Menschen, einige mit Tellern und Schüsseln in der Hand. Bestimmt kommen sie auch von einer Iftar – Mahlzeit bei Freunden. Fast alle wünschen mir im Vorübergehen einen schönen Abend, obwohl wir uns nicht kennen. Doch nach den Stunden bei Adel empfinde ich auch zu ihnen ein besonderes Gefühl der Vertrautheit.

Ein gemeinsamer Tisch verbindet oft mehr als viele Worte

Meine zweite Einladung zum Iftar führt mich in die evangelische Paulusgemeinde. Die Horizonte-Initiative hat zum Fastenbrechen geladen. Es ist eine Gruppe von Menschen aus der Türkei, die regelmäßig Veranstaltungen anbietet, bei denen sich Interessierte aus verschiedenen Religionen kennenlernen können. Hier treffe ich Fatma aus meinem Deutschkurs wieder. Ein großer Saal, gedeckte Tische für hundert Gäste. Reges Treiben, fast wie auf einem Basar: Familien bringen Schüsseln und Töpfe für das Buffet, Gespräche, Lachen, umher springende Kinder, ausgelassene Stimmung. Dann ertönt der Gebetsruf. Iftar kann beginnen. Ich nehme zwischen Fatmas Verwandtschaft Platz.

Fatma pendelt zwischen Küche und Buffet und achtet darauf, dass alle bestens versorgt sind. Die Gerichte verzaubern mich durch ihre orientalischen Düfte und sind liebevoll angerichtet. Traditionell werden zunächst Datteln und Wasser gereicht, um dem Körper wieder Energie und Flüssigkeit zuzuführen. Fatmas Nichte Elif beißt genüsslich und langsam ein kleines Stück der süßen Dattel ab. Es ist ein Geschenk für sie. Nur die erste Fastenwoche ist eine Herausforderung, erzählt sie mir. Dann wird der Magen kleiner und sie verspürt gar nicht mehr so viel Hunger. Der erste Schluck Wasser ist aber immer eine Wohltat für sie. Besonders, wenn Ramadan in den heißen Sommer fällt. Dann empfindet sie große Dankbarkeit für jeden Schluck.

Der Tisch ist breits gedeckt. Unsere Kiezreporterin Dagmar hat ihren Freund Adel zum Abschluss des Ramadans zum Frühstück eingeladen ©Dagmar Saleiski
Der Tisch ist breits gedeckt. Unsere Kiezreporterin Dagmar hat ihren Freund Adel zum Abschluss des Ramadans zum Frühstück eingeladen © Dagmar Saleiski

Zum Abschluss des Fastenbrechens werden die Gäste mit der sogenannten Zahnmiete entschädigt. Ich erhalte von den Gastgebern eine Rose und eine Schachtel mit selbst gebackenen Keksen als „Wiedergutmachung” dafür, dass meine Zähne beim Essen abgenutzt wurden. Ich fühle mich von der Geste gerührt und verabschiede mich mit einer herzlichen Umarmung von den warmherzigen Menschen, die ich kennenlernen durfte.

Fast alle treffen sich ein paar Tage später im Stadion Halle-Neustadt zum Ramadanfest wieder, dem krönenden Abschluss des Fastenmonats. Dieses Mal pünktlich zum Sonnenaufgang. Traditionell wird dieser Tag und das anschließende Zuckerfest festlich im Kreis der Familie begangen. Ich lade meinen syrischen Freund Adel zum Frühstück ein. So kann ich ihm etwas von seiner Gastfreundschaft zurückgeben und vielleicht auch ein Stück Heimatgefühl. Ein gemeinsamer Tisch verbindet oft mehr als viele Worte.